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Liddy Bacroff, Foto aus dem Staatsarchiv Hamburg 


Es ist nun mal eine unverwüstliche Überzeugung, dass Liebe irdisch ist, bleibt und sein wird – denn der Tod kann nicht küssen.
Liddy Bacroff

Hintergrund & Kontext
 

Im Zentrum der Arbeit steht die Hamburger trans Künstlerin und Sexarbeiterin Liddy Bacroff, die im Nationalsozialismus verfolgt, kriminalisiert und 1943 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet wurde. Bacroff gilt als eine der ersten deutschen, namentlich bekannten trans* Frauen dieser Zeit. Heute bilden ihr Leben und ihr gewaltsamer Tod einen wichtigen Bezugspunkt queerer Erinnerungskultur.

Bacroffs Geschichte macht exemplarisch sichtbar, wie früh trans Menschen im Faschismus zum Ziel staatlicher Gewalt wurden – und bis heute werden – und wie systematisch ihre Existenz ausgelöscht werden sollte. Zugleich zeigt sich eine grundsätzliche Problematik der Erinnerungskultur: Wie lässt sich ein Leben erinnern, das vor allem durch die Dokumente seiner Verfolgung überliefert ist – durch Haftbefehle, Arztbriefe, polizeiliche Protokolle? Diese Akten wurden nicht angelegt, um ein Leben festzuhalten, sondern um es zu überwachen, zu pathologisieren und zu kriminalisieren.

Den amtlichen Bildern steht jedoch ein anderes Archiv gegenüber. Entgegen der Logik der Vernichtung sind Bacroffs eigene literarische und autobiografische Texte erhalten geblieben. In ihnen spricht eine andere Stimme: eine Stimme, die sich den behördlichen Zuschreibungen entzieht.

Bacroff wurde 1908 in Ludwigshafen unter einem anderen Namen geboren, den sie selbst verwarf und der daher auch hier nicht genannt wird. Früh formuliert sich in ihren Schriften eine Leidenschaft für Kunst, Tanz und Gesang. Die ökonomischen Realitäten lassen diesen Wunsch zunächst nicht zu: Bacroff arbeitet als Bürodienerin und Botin und verbüßt in den 1920er Jahren erste Haftstrafen. 1929 wird sie erstmals aufgrund des Paragrafen 175 festgenommen und zu zwei Monaten Haft verurteilt.

Ab Ende der 1920er Jahre lebt Bacroff in Hamburg und arbeitet als Sexarbeiterin. Ihre Texte unterzeichnet sie als „Transvestit“ und „Dirne“. Besonders in „Freiheit! (Die Tragödie einer homosexuellen Liebe)“ (19. März 1930) und „Ein Erlebnis als Transvestit. Das Abenteuer einer Nacht in der Transvestitenbar Adlon!“ (August 1931) entwirft sie Momentaufnahmen eines anderen Lebens: Nachtlokale auf St. Pauli, Freund*innenschaften, Tanz, Begehren. Dies sind flüchtige Räume von Lust und Selbstentwurf, die in scharfem Kontrast zu den zunehmend dichter werdenden Akten der Verfolgung stehen.

Zwischen 1930 und 1938 wird Bacroff wiederholt verhaftet, verhört und schließlich als „abnorm“ sowie als „Gefahr für die Volksgemeinschaft“ eingestuft. Sie bleibt unter polizeilicher Überwachung, der sie sich zeitweise durch falsche Meldepapiere zu entziehen versucht. 1938 wird sie aufgrund eines „vertraulichen“ Hinweises im Lokal Komet „in Frauenkleidern“ festgenommen. Am 22. August 1938 verurteilt das Landgericht Hamburg sie aufgrund „gewerbsmäßiger widernatürlicher Unzucht“ als „unverbesserliche Gewohnheitsverbrecherin“ zu Zuchthaus und anschließender Sicherungsverwahrung. 1942 erfolgt die Deportation in das KZ Mauthausen, wo sie am 6. Januar 1943 ermordet wird. Selbst nach ihrem Tod existiert noch ein weiteres Haftgesuch, adressiert an Bacroffs Mutter.

Der Stolperstein in der Simon-von-Utrecht-Straße 76-79 trägt immer noch ihren Deadname. Die Texte Bacroffs sind im Staatsarchiv Hamburg einsehbar und zur weiteren Beschäftigung mit ihrem Leben nachdrücklich empfohlen.

Vor dem Hintergrund zunehmender Transfeindlichkeit, Rechtspopulismus und faschistischer Mobilisierung versteht sich TÄNZE FAST VERGESSENER GEISTER als künstlerischer Beitrag zu einer vielstimmigen Erinnerungskultur aus queerer und trans Perspektive. Die Performance lädt dazu ein, verdrängte Geschichten sichtbarer zu machen und neue Formen des gemeinsamen Gedenkens zu erproben.


Quellen: 

https://arolsen-archives.org/dossiers/anderssein-verboten/prideuntold-liddy-bacroff/

https://www.stolpersteine-hamburg.de/?MAIN_ID=7&BIO_ID=791 

Bodie A. Ashton: The Parallel Lives of Liddy Bacroff: Transgender (Pre)History and the Tyranny of the Archive in Twentieth-Century Germany*. German History Vol. 42, No. 1, pp. 79-100.

Biografien des Teams von TÄNZE FAST VERGESSENER GEISTER
 

Künstlerische Leitung, Choreografie und Text
René*e Reith (alle Pronomen) arbeitet als Choreograf*in, Performancekünstler*in und Tanzwissenschaftler*in. Ihre Inszenierungen gastierten bundesweit und international - wie etwa auf Kampnagel (Hamburg), dem Ballhaus Ost (Berlin) und dem Festival Temps d’M (Charleville-Mézières). Seit 2025 promoviert sie im zeitgenössischen Tanz im Rahmen eines künstlerisch-wissenschaftlichen PhD Projektes an der MUK in Wien zu der Inszenierung von Transness im zeitgenössischen Tanz und Performance. 

 

Co-Creation und Performance 
Alexander Hahne (er/ihm) arbeitet als Butoh Tänzer mit Wurzeln im Ballett, Improvisationstanz, Kampfsport, BMC und weiteren somatischen Praktiken. Seit 2010 verschiedene Shows und Performances u.a. "The Post-Queer Dilemma“ von Guy Marsan (2023), "tracing NYMPHxFAUN" von Mooooon (2023) und „The Human Butoh Box“ (2024) mit Mar Mäander/ Maren Konn. Darüber hinaus ist er Referent für Sexuelle Gesundheit, Systemischer Sexualtherapeut, Supervisor, Sexualpädagogische Fachkraft, sexualitätsbezogener Bodyworker, Dozent, Fachbuchautor und trans Aktivist.

Heinrich Horwitz (they/them) ist Regisseur*in, Choreograf*in und Schauspieler*in. Studierte Schauspielregie und Choreografie an der HfS Ernst Busch Berlin. Heinrich ist Preisträger*in des Tabori Preises 2023. Neben der Regie und Choreografie arbeitet Heinrich kontinuierlich auch als Schauspieler*in an Theater, der Oper, in Film und Fernsehen. Seit 2022/23 ist Heinrich als Dozent*in in der Regieabteilung der AdK Ludwigsburg tätig. Heinrich ist neben 185+ Schauspielerinnen Mitunterzeichner*in des #ActOut Manifests und Aktivist*in. 

 

Tubi Malcharzik (kein Pronomen, they/them) arbeitet als Performer*in, Dramaturg*in und DJ. Ausgehend von biografischem Material beschäftigt sich Tubi mit erinnerungs- und geschichtspolitischen Fragen, darunter polnisch-deutsche Migrationsgeschichte(n), die historische Grenzregion Oberschlesien und Flussufer als Orte trans* und nicht-binärer Erinnerung. Tubi arbeitet kollaborativ in Projekten wie „Sprachnachrichten über Schlonsken“ und „Funken bis Uranus“ sowie in Soloperformances wie COMEBACK und PASKUDNIK.

Géraldine Schabraque (sie/ihr) ist Performerin, Schauspielerin und Sängerin. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und ist in den Bereichen Theater, Performance und Musik tätig. Nach ihren ersten Chansonauftritten auf kleinen Clubbühnen im Jahr 2018 und ihrem Schauspieldebüt 2020 wurde Schabraque ein fester Bestandteil der freien Theater- und Performanceszene Hamburgs.

 

Sounddesign und Komposition 
Katharina Pelosi (sie/ihr) studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und arbeitet als Audiokünstlerin an der Schnittstelle von Performance, Film und Hörspiel. Sie ist Teil des Kollektivs SWOOSH LIEU. Derzeit publiziert sie ihre künstlerische Promotion Aufnehmen, Arrangieren, Zuhören. Ein Glossar zu Formen akustischen Erinnerns. In ihrer klangkünstlerischen Praxis verbindet sie soundbasierte Formen des Erinnerns mit queerfeministischen und postkolonialen Perspektiven und entwirft Klang als spekulativen Raum.

 

Bühnen- und Kostümbild 

Malaika Friedrich-Patoine (sie/ihr) arbeitet als Kostüm- und Bühnenbildnerin für Performance, Theater und Musiktheater. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen queerfeministische Perspektiven und Materialforschung im Kontext von Kostüm und Bühne. Ihre Arbeiten waren unter anderem auf Kampnagel sowie am St. Pauli Theater, Schauspielhaus Hamburg, Ballhaus Ost und Klabauter Theater zu sehen. Sie schloss den Bachelor und Master im Kostümbild an der HAW Hamburg ab und ist aktuell stART.up-Stipendiatin der Claussen-Simon-Stiftung.

 

Lichtdesign 

Dennis Dita Kopp (they/them) studierte Theater, Medien und Literatur an der Universität Hildesheim. Seit 2012 arbeitet dey als freie Lichtdesigner*in, Performer*in und Dramaturg*in u. a. an den Münchner Kammerspielen sowie mit Künstler*innen wie cobragianni.cobra, Thermoboy FK, Henrike Iglesias, Markus&Markus, René*e Reith, Marie Simons, Joana Tischkau sowie Julian Warner & Oliver Zahn. Deren künstlerische Praxis befasst sich mit Fragen kritischer Genderperformance auf der Suche nach queeren, feministischen und intersektionalen Perspektiven.

 

Dramaturgie 

Anna-Carolin Weber (sie/ihr) ist Kölner Choreografin und Dramaturgin mit dem Schwerpunkt Medienchoreografie. An der Schnittstelle von künstlerischer Praxis, Forschung und Vermittlung entwickelt sie Arbeiten zwischen Tanz, postdigitalen Medien und spartenübergreifender Performance. Gemeinsam mit Tobias Kopka ist sie Gründerin und Künstlerische Leiterin des Ensembles VR DANCE CLUB, dessen interaktiv-partizipative Arbeiten national wie international auf Festivals präsentiert werden. Anna-Carolin ist Stipendiatin der Kunststiftung NRW (2025/26).

 

Dramaturgische Beratung Text 

Marie Simons (keine Pronomen) ist queerfeministische Regisseur*in und Dramaturg*in. Jüngste Arbeit: DOOMSDAYDUDES (Produktionshaus NAXOS, FFM / LICHTHOF Hamburg, 2025), eine Performance über Prepping als kollektive Strategie in der Polykrise. Weitere Arbeiten: die queere Geisterbahn MONSTER MANSION (NAXOS, 2024) und der Bühnen-Comic STUDIE VON G. ANSCHÜTZ, DOLOMITEN 1943 (LICHTHOF Hamburg / Ballhaus Ost Berlin, 2023). 2024 Promotion in Hildesheim; das Buch zur Pose in Showsportarten wie Professional Wrestling erscheint 2026 bei transcript. 

 

Assistenz Bühnen- und Kostümbild 

Chantal Börner (sie/ihr) ist Kostümbildnerin. Nach ihrer Ausbildung zur Damenmaßschneiderin in Winterthur absolvierte sie 2024 den Bachelor in Kostümdesign an der HAW Hamburg und führt dort derzeit ihr Masterstudium fort. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen assoziative Materialforschungen. Bereits während des Studiums entwickelte sie Kostümbilder für Produktionen an der Thalia Gaußstraße und am St. Pauli Theater Hamburg. Sie ist Karl-H.-Ditze-Preisträgerin und Deutschlandstipendiatin.

 

 

Produktionsleitung, künstlerische Assistenz, Grafikdesign und Fotografie 

Jonas Mannherz (er/ihm) arbeitet an den Übergängen von Gestaltung, Narration und künstlerischer Produktion. Die Praxis umfasst Grafik & Design, Fotografie, Film, Text sowie Creative Direction und Production. Im Zentrum steht das sichtbare und unsichtbare Gefüge von Kontexten, das medienübergreifend verhandelt wird. Durch Archivierung und Neukontextualisierung werden Räume, Bilder und Texte zu Trägern von Narrativen, Macht und Erinnerung. Design erscheint dabei als strukturierende Praxis zwischen Kommunikation und künstlerischer Intervention.

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